Konferenz gegen Fundamentalismus und für Frauenrechte

Das Velodrom in Friedrichshain ist komplett gefüllt; Busse von Menschen können Anfangs nicht in die Halle. Über Zehntausend Menschen sollen insgesamt an der Veranstaltung teilgenommen haben, sagte der Sprecher der Exil-Opposition Shahin Gobadi. Hanif war rechtzeitig da, er sitzt in einer der vorderen Reihen. Der 18-Jährige lebt in Hamburg und ist bei der „Demokratisch Iranische Jugend Norddeutschland“ aktiv. Die Jugendgruppe hat ein dutzend Mitglieder und informiert gegen Fundamentalismus.

Die meisten in der Halle sind gekommen um Marjam Rajavi zu sehen. Sie ist die gewählte Präsidentin des Widerstandsrats des Irans. Auch für Hanif ist Rajavi die Hoffnung, dass eines Tages seine Eltern in ihre Heimat zurück können. „Ich möchte das Leuchten in den Augen meiner Eltern sehen, wenn sie wieder in ihre Heimat zurück können.“ Sie mussten in den 1990er Jahren flüchten. Seinem Vater drohte die Hinrichtung, weil er sich politisch gegen das Mullah-Regime engagiert hat. Der Einzug von Rajavi in die Halle wird frenetisch gefeiert und dauert rund eine viertel Stunde.

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Marjam Rajavi

Den Auftakt der Veranstaltung für Toleranz und Gleichstellung gegen Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit machen deutsche Politiker aus Abgeordnetenhaus und Bundestag. Bezirksbürgermeister Matthias Köhne sprach von Partnerstädten im Nahen Osten, die von fundamentalistischem Terror bedroht sind. Abgeordnetenhaus-Mitglied Stefan Evers verweist darauf, dass seine Art zu Leben im Iran mit dem Tod bedroht wäre. Fritz Felgentreu will, dass bei jeder Gelegenheit die universellen Werte von Demokratie und Menschenrechte hochgehalten werden.

Rund 50 Politiker sprechen bei der Konferenz. Für Hanif ist das sehr wichtig, gerade in der jetzigen Zeit. Er verweist auf den Anschlag in Paris und darauf, dass dies auch in Deutschland passieren könnte. Mit der Veranstaltung werde für die Menschen in der Heimat seiner Eltern ein Zeichen gesetzt; ein Zeichen des Zusammenhalts.

Die iranische Exil-Opposition fordert einen entschiedenen Kampf gegen das Mullah-Regime in Teheran als Zentrum der Terrorismus-Unterstützung. Das iranische Regime sei die Quelle der Instabilität. Rajavi nannte vor tausenden Teilnehmern die Frauenmacht als größte Herausforderung für den Islamismus. Gerade weil die Frauen am stärksten von dem Regime betroffen sei; ihr Schicksal sei mit Verfolgung, Unterdrückung und Entwürdigung verknüpft. Gestritten werden zwischen Freiheit und Unterjochung. Der Westen müsse den Mullahs gegenüber eine feste Haltung einnehmen, forderte Rajavi.

Hanif bläst in das gleiche Horn. Er argumentiert, dass Appeasement-Politik nicht zum Ziel führen wird. Er will aber auch nicht, dass ausländische Armeen eingreifen. Hanif glaubt daran, dass die Veränderung aus dem Land kommen muss. Die Opposition im Iran müsse unterstützt werden. Wirtschaftliche Interessen des Westens dürften nicht über die Würde des Menschen gestellt werden.

Auch New Yorks Ex-Bürgermeister Rudi Giuliani warnte vor Beschwichtigungspolitik. Die Welt müsse auf das Terrorregime in Teheran mit Kraft entgegentreten. Ihm scheint ein militärisches Eingreifen seiner Regierung nicht so wenig wünschenswert, wie Hanif.

Als nächstes tritt der frühere Bundestagsabgeordnete Otto Bernhard, Mitglied des Deutschen Solidaritätskomitees für einen freien Iran, auf die Bühne. Er zollte Rajavi Respekt für ihre Arbeit. Ihre Bewegung sei die größte organisierte Opposition des Irans. Er greift aus dem Zehn Punkte Programm die Trennung von Kirche und Staat, Verwirklichung der Menschenrechte, Pluralität und freie Wahlen hervor.

Rita Süssmuth erinnert auf die Lage der Oppositionellen im irakischen Camp Liberty und mahnte die rasche Aufnahme in sicheren Ländern an. Hanifs Vater war in den 1990er Jahren im Vorgänger-Lager Camp Ashraf, er hat auch viele Verwandte noch im Camp. Seine erste Heimat, Deutschland, müsse sich stärker einsetzen für die Demokratie.

Die Redner wechseln sich im Minuten-Takt ab; alle ausgewählt im Sinne des iranischen Widerstands. Und haben doch unterschiedliche Vorstellungen für die zukünftigen Wege des Irans.

Bischof im Ruhestand Wolfgang Huber forderte, dass keine Religion so ausgelegt werde, dass sie Menschen das Recht auf Freiheit nehme. Er trete für eine Gleichstellung von Männer und Frauen ein – nicht nur am Weltfrauentag.

Hier hakt Hanif ein. „Für mich als jungen Muslim ist es klar, sich gegen Fundamentalismus einzusetzen. Der Islam wird oft bewusst falsch verstanden.“ Der Islam sei eine tolerante Religion.

Günter Verheugen, früherer Vizepräsident der Europäischen Kommission, hebt die Gefahren, die vom Regime in Teheran ausgehen auf eine internationale Ebene. Es gehe alle Länder etwas an; denn ein Land, in dem kein Frieden und keine Demokratie herrschen, könne keinen Frieden nach außen halten. Deswegen gehe es nicht um innere Angelegenheiten des Iran, auch wenn eine Lösung nur dem Iran kommen kann. Nur aus dem Land heraus könne eine demokratische Regierung eingesetzt werden, die eine der gefährlichsten Regionen der Welt stabilisieren könnte.

Nach gut fünf Stunden geht die Veranstaltung langsam zu Ende, nicht ohne Marjam Rajavi nochmal zu feiern. Für Hanif verkörpert die 61-Jährige alles das, was sich der 18-Jährige wünscht; für ihn ist sie die einzige Hoffnung.


Egon Huschitt, Journalist mit Faible für Politik, außerdem für Newsletter und Fernsehen. Profil





6 Comments

  1. Vida Niktalean says:

    Sehr interessanter und informativer Einblick.
    Solch einen Bericht/Artikel mit solch einem Einblick in Oppositionen, findet man leider viel zu selten.

  2. Super zusammengefasst.
    Gut zu lesender Artikel.
    Dankeschön.

  3. Peter says:

    Vor dem Hintergrund, dass diese Frau Rajavi wohl nur von den Anhängern der Volksmojahedin so frenetisch verehrt wird und hunderte anderer exiliranischer Vereine in Deutschland,( z.B.: Iranische Gemeinde e.V., Deutsch-Iranische Begegnung e.V., Deutsch-Iranische Gesellschaft e.V. Deutsch-Iranischer Frauenintegrationsverein e.V., e.t.c.) diese Veranstaltung mit keinem Wort erwähnen, geschweige denn unterstützen, liest sich dieser Bericht doch ganz anders.
    Der Anspruch Rajavis, den „iranischen WIderstand“ oder die „iranische Opposition“ zu vertreten, wird der Realität offensichtlich nicht gerecht, wenn man sich mit „normalen“ Exil-Iranern mal unterhält…

  4. Es gibt eine ganze Reihe politischer iranischer Widerstandsgruppen und exiliranischer Kultur- und Geschichtsvereine. Allen ist gemeinsam, dass sie außerhalb des Iran ansässig sind und sich mit dem Iran beschäftigen.

    Der entscheidende Unterschied ist das Verhältnis zum Regime selbst. Während die hier beschriebene größte organisierte Widerstandsgruppe, die sich im NWRI vereinigt hat und dessen größte Mitgliedsgruppen die Volksmudschahedin sind, jeden Dialog mit dem Regime kategorisch ablehnt und ohne wenn und aber dessen Sturz betreibt, sind alle anderen Gruppen mehr oder weniger im Dialog mit dem Regime und wenn es nur die bewusste Ein-und Ausreise ist. Die Volksmudschahedin werden als Staatsfeinde, als Feinde Gottes verfolgt, inhaftiert , gefoltert und massenweise getötet, während alle anderen, auch wenn sie z.B. kritische Bürger sind, einem Wandel durch Annäherung wünschen, Neutralität wahren oder sogar Unterstützung gewähren, sich also dem Regime gegenüber adäquat verhalten, vom Regime akzeptiert werden, bzw. benutzt werden. Dies erfolgt auf vielfältige Weise bis hin zur Anwerbung oder Ausspähung.
    Die einen bezahlen seit 36 Jahren ihren Widerstand, der auch im Iran verwurzelt ist, mit einem übermäßigen Blutzoll, während alle anderen sich irgendwie mit dem Regime engagieren, um immer noch als iranische Bürger ein-und ausreisen zu können oder einfach in Ruhe leben zu können.

    Die im Kommentar aufgezählten Vereine, zuzüglich noch anderer Gesellschaften ( http://www.deutsch-iranische-gesellschaft.de/links/gesellschaften-organisationen ) sind in der Mehrheit sogar Vereine , die direkt mit dem Regime kooperieren. Das zeigt sich z.B. In Programmen oder Eventangeboten, die mit direkter iranischer Beteiligung veranstaltet werden oder durch personelle Verflechtungen stattfinden. Diese Verbindungen sind unterschiedlich intensiv, je nachdem, wie es das Regime in seinem Interesse braucht .

    Jedenfalls gibt es keine offene Unterstützung von den systemadäquaten Vereinen zu den Systemgegnern. Das Regime wertete jede Unterstützung des NWRI als Verrat am System der religiösen Herrschaft. Dies schreckt viele Iraner ab.
    Unter der Hand sieht das anders aus. Ohne die breite Verankerung des NWRI in der iranischen Bevölkerung bekäme er nicht immer wieder Tatsachenberichte, Enthüllungen oder interne Informationen, die sich alle als wahr herausstellen. Zweitens hat er für seine umfangreichen Aktivitäten ausreichend viel Kapital in Millionenhöhe, ohne das die Arbeit garnicht gemacht werden könnte. Diese zu größten Teil gespendeten Gelder aus dem Iran oder von Bürgern der Gastländer sind Budgetiert und teilweise öffentlich kontrolliert, z.b. wenn es sich um Spenden an gemeinnützige Vereine handelt. Spender, die nicht öffentlich als Unterstützer gelten wollen, wenden sich anonym an den NWRI und werden auch nicht gelistet.

  5. Peter says:

    Es mag ja stimmen, dass andere (exil)iranische Regimegegner das Regime nicht „extremistisch“ und „fundamental“ genug ablehnen, aber wollen Sie, als Menschenrechtsaktivist, diesen Menschen ernsthaft vorwerfen, nicht genug „Blutzoll“ gezahlt zu haben? Ist es nicht das Selbstverständnis von Demokratie, gerade den Dialog mit dem politischen Gegner zu führen?
    Propagiert nicht auch Frau Rajavi einen DEMOKRATISCHEN Wandel?
    Oder ist es das Demokratieverständnis von Frau Rajavi, dass einzig und alleine der „Sturz“ des Regimes „ohne Wenn und Aber“ zu einer Demokratisierung der Bevölkerung im Iran förderlich ist?
    Wie demokratisch kann eine Bewegung sein, die jeglichen Dialog mit Andersdenkenden „kategorisch ablehnt“?

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